Wie wir mit den Kindern über Corona reden können – und ihnen helfen können, wenn sie Angst haben

Wie können wir diese Zeit so durchleben, dass wir stärker werden, und nicht schwächer? Dass wir daraus wachsen, und nicht etwas kaputt geht? Dass wir unseren Kindern und uns selbst eine Zeit erschaffen, die uns nicht als Schrecken in Erinnerung bleibt, sondern als Zeit, in der wir viel lernen durften?

Ein Beitrag von Kim Nicola- Lorentzen.

Als erstes möchte ich auf zwei deutschsprachige Artikel verweisen, die darauf eingehen, was wir im Leben mit unseren Kindern beachten können, einmal von Unicef, einmal von einer Expertin aus der Sicher Stark Organisation.

Als zweites möchte ich Euch drei Interview mit Kinder- und Jugendpsychologen empfehlen, die ich immens hilfreich fand. Renee Jain hat Dr. Laura Markham, Dr. Shefali Tsabany und Natasha Daniels interviewt zu den Fragen, wie wir mit unseren Kindern über Corona reden können, wie wir mit der Unsicherheit umgehen können, und wie wir mit Kindern umgehen können, die eine erhöhte Angst zeigen.

Für all diejenigen, für die die Sprache zu schwierig ist, hier eine kurze Zusammenfassung dessen, was die drei Psychologinnen sagen:

Dr. Laura Markham rät dazu, einfache Maßnahmen des Schutzes unaufgeregt zu erklären und mit den Kindern durchzusprechen, kleinere Kinder ganz aus den Gesprächen rauszulassen und mit Teens weitere Themen zu besprechen, wie z.B. was Globalisierung mit dem Virus zu tun hat. Sie erklärt außerdem, wie wir als Eltern uns zuerst um unsere eigene Angst kümmern müssen, bevor wir wirklich für die Kinder da sein können. Sich als erstes die Sauerstoffmaske anlegen, bevor man Mitreisenden und Kindern helfen kann: das ist das, was sie damit meint. Nur wenn wir uns selbst erlauben, all unsere Gefühle zu fühlen und da durch zu navigieren, können wir auch den Kindern ihren Raum für ihre Gefühle geben, und ihnen Halt und Sicherheit geben. Durch unsere eigenen Gefühle täglich leichter durchgehen können wir zum einen, indem wir uns hinsetzen, und diese fühlen. Jeden Tag ein bisschen. Zum Beispiel jeden Tag 15 Minuten. Allein das sortiert schon eine Menge, heilt, und lässt die Gefühle sich verändern. Zum zweiten können wir uns professionelle Hilfe durch einen Coach oder Therapeuten holen (auch telefonisch, über Skype), und das durchsprechen, was in uns selbst vorgeht. Auch das hat eine starke Wirkung auf unser ganzes Befinden und kann uns wieder in Balance bringen und uns neue Wege zeigen, die wir vorher nicht sehen konnten. Auch gut ist es, Dinge, die uns gerade beschäftigen, aufzuschreiben (journaling).

In dem zweiten Interview erklärt Dr. Shefali Tsabany, wie der Corona Virus uns üben lässt, durch Zeiten der Ungewissheit durchzugehen. Sie erinnert uns auch daran, dass alle Zeiten des Lebens diese Ungewissheit in sich tragen. Dass wir im Moment nur auf verstärkte Weise damit konfrontiert werden. Das gibt uns die Möglichkeit, unser Bewusstsein über unsere Welt und das Leben weiter zu entwickeln. Mehr Bewusstsein bedeutet: eine klarere Sicht. Diese klarere Sicht kann uns helfen, leichter unsere Gedanken zu sehen, die Gefühle, die unsere Gedanken auslösen, und wie wir damit so umgehen können, dass wir sie bewältigen und stärker werden. Wenn wir uns beispielsweise klar machen, dass der Tod für uns alle jederzeit kommen kann, nicht nur in dieser Zeit des Corona Virus, dann wird unsere Sicht schon ein bisschen klarer auf das, was gerade passiert. Es ist keineswegs so, dass der Tod in „normalen“ Zeit so weit weg ist, wie wir uns manchmal einreden. Das ist eine Illusion. Wir können lernen, den Tod als Teil des Lebens anzunehmen, der tatsächlich jederzeit kommen kann. Dann können wir das Leben sogar mehr genießen. So sieht es Dr. Shefali, und mit ihr zusammen viele Weisheitslehrer. Diese Zeit bietet also auch die Chance, darüber mit unseren Kindern zu reden. Wenn wir die Bäume draußen angucken, sehen wir zur Zeit keine Blätter an ihnen. Aber die Blätter sprießen schon bald wieder. Die Natur anzugucken kann unseren Kindern und uns nicht nur helfen, den Wandel in allem Leben zu sehen und zu akzeptieren. Es kann uns auch dabei helfen, uns mit dem zu verbinden, was das Leben ausmacht, und uns so neue Energie für unsere täglichen Herausforderungen zu geben.

In dem dritten Interview geht Natasha Daniels darauf ein, wie wir Kinder generell unterstützen können, aber auch Kinder mit Zwangshandlungen, die ohnehin z.B. schon häufig ihre Hände waschen. Bei den Kindern, die ohnehin schon einen Zwang zum vermehrten Händewaschen entwickelt haben, können wir Empfehlungen, wann man sich die Hände waschen soll (z.B. nachdem man nach Hause kommt) aufhängen und so dafür sorgen, dass auch sie eine Art Plan haben. Damit kann verhindert werden, dass der Zwang noch größer wird.

Auch erklärt sie, wie wir unseren Kindern helfen können, wenn sie viel Angst haben und wiederholt die gleichen Fragen stellen. Diese Kinder brauchen immer wieder die Versicherung von uns, dass sie zum Beispiel zu Hause sicher sind, dass Vorsichtsmaßnahmen sie und andere schützen, etc. Der Schlüssel ist, dass die Kinder sich mit der Zeit diese Antworten selbst geben können. Wir üben mit ihnen ein, wie sie mit sich selbst reden können. Das ist immens wertvoll – nicht nur für diese Zeit, sondern auch für alle kommenden Zeiten, denn der Coronavirus spiegelt das wider, was das Leben immer schon war und immer sein wird: Wir müssen mit der Ungewissheit, was morgen sein wird, umgehen lernen. In dieser aufwühlenden und unangenehmen Zeit haben wir also eine wundervolle Möglichkeit zu üben, mit diesem Nicht-Wissen umzugehen. Mit uns selbst so zu reden, uns selbst und unsere Kinder so zu coachen, dass wir in Balance bleiben können, in unserem Gedanken, in unseren Gefühlen, in unserem Alltag.

Dabei hilft unter anderem, wenn wir unsere Gedanken wahrnehmen, STOP sagen, wenn wir bemerken, dass diese gerade wenig hilfreich sind, sie durch andere, hilfreiche Gedanken ersetzen (nicht zu verwechseln mit positivem Denken). Hilfreiche Gedanken sind häufig Gedanken, die uns wieder mit dem jetzigen Tag in Kontakt bringen: Was kann ich in diesem Moment sehen, was in Ordnung ist? Wenn bisher alle Familienmitglieder gesund sind, kann ich meine Aufmerksamkeit darauf lenken? Wenn wir als Eltern im Moment noch Arbeit haben, kann ich das wahrnehmen und dafür dankbar sein? Wenn ich weiß, dass Familienmitglieder und Freunde, die woanders leben Hilfe haben und gut versorgt sind, kann ich das in diesem Moment würdigen? Wie fühlt sich das an?

Alle Experten in den drei Interviews raten dazu, sich keinesfalls mit Meldungen aus den Medien zu überschütten. Und natürlich die Kinder auch nicht. Es ist sinnvoll, sich zum Beispiel eine oder zwei Quellen rauszusuchen, und diese einmal am Tag zu besuchen, um Neuigkeiten nicht zu verpassen. Macht es aber Sinn, zehn Quellen zu beziehen und diese stündlich abzurufen? Fragt Euch selbst, wie es Euch damit geht, wenn Ihr ständig neue Nachrichten hört? Es wühlt Gedanken und Gefühle definitiv weiter auf – und können wir als Eltern dann ein Fels in der Brandung für unsere Kinder sein? Manche können es vielleicht dennoch gut, aber nicht alle. Guckt, was für Euch stimmt.

Wir wünschen Euch allen viel Stärke in dieser Zeit, wir schaffen es gemeinsam, da durchzugehen und stärker zu werden!

 

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